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Oltner sind Brückenbauer

  

Nichteinheimische finden Olten ziemlich kurlig, wohl aufgrund der amüsanten Alltagsgeschichten unserer bekannten Literaten. Die Stadt ist nach wie vor etwas verkannt - und früher, noch vor dem Klimawandel, war sie gar als ein nebliger Durchgansort verspottet. 

 

Weder Nebel noch Durchgangsort haben grundsätzlich Negatives an sich. Im Gegenteil, beide Begriffe regen den Geist und die Gedanken mehr an als sonst was und so haben sie der Bevölkerung bisher nicht geschadet. Seit jeher war der Ort geprägt von Verkehr, Handel und Gewerbe in einer überschaubaren und zugleich grenzenlosen Welt. Im vorletzten Jahrhundert kamen Leute mit fortschrittlichen und bodenständigen Vorstellungen hierher. Es waren die Gründer die den besonderen Oltner Geist prägten. Als Beispiel gilt Niklaus Riggenbach, Chef der Werkstätten der Centralbahn (später SBB). Er war Unternehmer und Menschenfreund zugleich, lokal und weltweit verankert. Gross sind seine Verdienste für die Gemeinschaft bis heute. Auf Initiativen unzähliger nachfolgender Persönlichkeiten hat sich eine dichte Szene für Kultur und Sport etabliert. Und es kommen stets neue Impulse dazu. Das vielfältige Angebot erfreut die Leute, die nicht nur die Vorzüge des öffentlichen Verkehrs am Eisenbahnknoten schätzen. Offen zu sein und Brücken zu bauen hat in Olten Tradition, nicht nur baulich - es gibt zehn Brücken über die Aare! Wie sonst würden sich all diese Fremden hier wohl fühlen können? Es sind Menschen aus über hundert Nationen die hier leben. Der viel beschworene Freiheitsgeist richtete sich vor zweihundert Jahren gegen die Herrschaft der Kirche und Aristokraten aus Solothurn. Der revolutionäre Schwung beflügelte die Behörden zu fruchtbarer Zusammenarbeit. Ihre damalige Doktrin hiess: Vorangehen und selbst Verantwortung tragen. Die Liberalen und später die sozialen Kräfte unterstützten sich gegenseitig um Gutes zu schaffen. Oder träume ich das alles nur?

 

Seit dem gesellschaftlichen Umbruch Ende der 60er Jahre ist es komplizierter geworden. Was es auch immer sein mag, es fehlt vermehrt an gegenseitigem Vertrauen oder ist gar ein Systemfehler schuld? Hat sich die ausserordentliche Gemeindeorganisation der 70er Jahre nach Jahrzehnten wirklich bewährt, verbraucht sie nicht zu viele unnötige Kräfte, oder liegt es an den Leuten? Es herrscht seit kurzem wieder provinzielles Zaudern vor, nicht erst seit den knappen Finanzen. Zukunftsweisende Entscheide brauchen auch gar viel Zeit. Da denke ich an die Schulanlage im Kleinholz, dessen Bau sich seit Jahren unnötig verzögert. Wie wollen wir junge Familien hierbehalten oder anziehen ohne einen Bildungsort in der Nähe der neu erstellten Siedlungen anzubieten? Wollen wir selbstgefällig im Ist verbleiben? Es gilt Sachzwänge zu überwinden und vorwärts zu gehen, das entspricht uns doch am ehesten. Für die Gestaltung der Kirchgasse dauerte es über fünfzig Jahre, die Bevölkerung verwarf mehrere überrissene Umfahrungsvarianten. Planerische Umwege mussten so in Kauf genommen werden. Es hat sich gelohnt. Der ehemalige Marktplatz und sein bauliches Ensemble haben endlich ihre Würde wieder zurückerhalten. Der schön proportionierte Raum lädt zu spontanen Begegnungen ein. Der mit Abstand öffentlichste Ort vor Ort repräsentiert das Bild einer selbstbewussten Bevölkerung.

 

Ein jeder von uns ist umgeben von Sachzwängen und Träumen und so frage ich mich: Wie wollen wir als verantwortungsbewusste Bürger aus eigenem Antrieb hausgemachte Hindernisse überwinden und für unsere Kleinstadt weitere Glanzpunkte setzen?

 

KOLT 19/01- KOLUMNE STADTMEINUNGEN

Architektur 1850-1900, Städtebauliche Entfaltung (Auszug)

 

 

 

... Die Schienenwege des Eisenbahnknotens und der Bahnhof der damaligen Schweizerischen Zentralbahn setzen ab 1856 völlig neue Ordnungslinien und Grundlagen, welche für die künftige Ausgestaltung der Stadt entscheidend wurden. In der Folge entstanden ausgehend vom Bahnhof, neu Strassenachsen. Die Ringstrasse als wichtigste verband den Hauptbahnhof über die Bahnhofbrücke von 1883 mit dem Güterbahnhof im Hammer. Auf dem freien Feld, gegenüber dem Bahnhof, entstanden 1887 Bank, Konzertsaal, Amtshaus und die erste Quaianlage am Aarefluss; eine städtebauliche Leistung, vergleichbar mit der Überbauung der Chorherrenhäuser anfangs des 18.Jh. An ihm lässt sich der Erneuerungswille, aber auch Stolz und Imponiergehabe der damaligen Bürger ablesen.

 

Entlang der Bahnlinien bereiteten sich Gebiete aus, mit vorwiegend industriellem und gewerblichem Charakter. Unmittelbar nach dem Eisenbahnbau, noch vor der Industrialisierung, wurden die ersten genossenschaftlich organisierten Wohnsiedlungen der Eisenbahner errichtet und zwar im Hardfeld und an der Wartburgstrsse. Initiant dieser Idee war der Chef der Centralbahnwerkstätten, Niklaus Riggenbach. Es waren dies sehr einfache, schmucklose Bauten in Form von Doppelhäusern oder Zeilen mit Zier- und Nutzgärten.

Gegen Ende des 19.Jh. vollzog sich allmählich der Wandel von der Brückenstadt zur Flusstadt. Der Aareraum gestaltete sich zu einem Bestandteil der Innenstadt. ...

 

1798-1991 OLTEN VOM UNTERTANENSTÄDT-CHEN ZUM WIRTSCHAFTSPOL, EWG OLTEN, DIVERSE AUTOREN 91

Ruine Hagberg, ein Ort ohne Erwachsene?

Ein besonders anregender wie märchenhafter Ort, ganz in der Nähe unseres Quartiers, ist der vollständig umwaldete und verborgene Kegelstumpf der ehemaligen Hagburg. Er ist kaumauffindbar zwischen dem Bannwald und dem Stadtpark gelegen. Auf einer schmalen Terrasse vorne über der Strasse ruht die alte und schlichte Taverne für Gastarbeiter, in dieser Zeit fast ausschliesslich von Italienern bevölkert. Später kommen dort Jazzliebhaber in den Genuss dieses Musikstils aus Amerika. Daneben der kleinste Zeltplatz dem du je begegnen wirst, ausgestattet mit wenigen primitiven baulichen und minimal nötigen sanitarischen Infrastrukturen. Und genau hier findet man, zwar mit Phantasie, die seit Generationen kaum mehr sichtbaren Überreste der einstigen Burganlage. Die musste einst wohl ziemlich imposant, schroff und bestimmt auch recht furchteinflössend ausgesehen haben. Oben, auf dem Felsmocken, befindet sich eine mehreckige und überaus grosszügig angelegte Aussichtsplattform. Also dort beim herumtollen und klettern - befreit von jeder erwachsenen oder elterlichen Aufsicht - verbringst du einige deiner abenteuerlichsten Stunden mit Gleichaltrigen. Später wird aus diesem Areal ein völlig abgeschlossener und nicht mehr allgemein zugänglicher Robinson-Spielplatz.

 

Die von uns Jugendlichen ausgedachte - oder ausgeheckte - Velobahn mit einer organisch angelegten Spur, zeigt sich als eine elegant geführte Serpentine. Ein ständiges Auf und Ab. Wir nennen sie etwas gar übertrieben unsere „Motocrossbahn“. Rund um den engen halbkreisförmigen Burggraben, mit Steilkurven und schnellfolgenden Rampen, Auf- und Abfahrten verläuft sie in Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten: Es ist ein idealer Freiraum nur für uns Buben. Die schmale Spur ist zum Befahren mit Velos anspruchsvoll. Das braucht Mut sich in die kurzen aber sehr steilen Flanken zu stürzen, vor allem aber Fahrtechnik und etwas Koordination: Dazu steht dir das mütterliche, orangenfarbene Damenvelo, Marke Allegro, zur Verfügung. Später hast du auch das silbergraue Allegro deines Vaters zu Schrott gefahren. Über fürchterliche Stürze musst du heute noch schmunzeln.

 

Häufig begleitet dich dein lustiger Weggefährte Suki-Puki, der aus einer türkisch-schweizerischen Beziehung hervorgegangen ist und mit seiner Mutter und seiner Tante im Quartier gegen die Aare hin wohnt. Ein echter, wohlgenährter und braungebrannter Bub und so ein Halbstarker. Und genau so führt er sich auch auf. Das wird ihn ein Leben lang begleiten. Er ist der Liebling des Lehrers deiner Klasse, er nennt ihn Micheli. Wenn er es dann aber zu bunt treibt mutiert er schnell zum Sündenbock für alles was schief läuft rund ums Leherepult, respektive wenn der verehrte Meister einmal Luft ablassen muss. Es ist Hans Hohler, der Vater von Franz Hohler. Dein bester Lehrer auf lange Zeit noch.

Nun ist der Erzähler wenig abgeschweift, also zurück und noch die folgende lustige Annekdote: Einmal, als du dich gerade wieder mutig in den Abgrund stürzen willst, hält dich Suki-Puki am hinteren Gepäckträger abrupt zurück. Das Velo bleibt oben wie ein sturer Esel stehen, du hingegen fliegst, völlig unvorbereitet, kopfüber im hohen Bogen und landest ganz unten am Fuss der Böschung. Aber geschehen ist dir erstaunlicherweise nichts und so ist der Schrecken schnell vorbei und du wiederum um ein Erlelebnis und eine Erfahrung reicher.

In der Natur zuhause

Unser Revier wird weiter und weiter gesteckt und so folgt bald schon das fröhliche Schweifen mit Kinderbanden durch den abenteuerlichen Bannwald am nördlichen Stadtsaum. Du machst die ersten Erfahrungen mit diesem grossen, grünbraunen und denkbar ruhigen "Ungetüm", voller Licht- und Schattenspiele. Es kommt dir anfangs noch so vor, die Entdeckungen der Natur und das Wesen deines Waldes, seine gute Seele erahnend. Jedes Weglein, mit oder ohne Mergel, die Waldarbeiterhütte am Wegrand, das wirre, aufstrebende Geäst an dünnen und dicken Stämmen, an unterschiedlich hohen Bäumen lernst du zu beobachten und einzuordnen in deinen fiktiven, dreidimensionalen Waldplan, ja genau Waldplan. Drinnen, weiter oben im Eichen- und Buchenwald zieht sich die markante Felskante oberhalb Neu Trimbach und der Bisquitfabrik Wernli hin. Es ist eine Stelle und ebene Fläche, etwas weg von der lärmigen Zivilisation. Dort kommt es ab und zu zu unerwarteten, oft skurrilen oder vorsichtigen  Zusammentreffen mit den Buben aus Trimbach. Nicht immer läuft es glimpflich ab. So bist du schon als sechsjähriger von diesen Wilden an den Marterpfahl gefesselt worden, das Ende aller Tage vor Augen. Deine älteren Freunde schauen untätig zu ohne den Mut zu finden dich zu befreien. Also verdrängst du und träumst von der fabelhafte Rundsicht über den beinahe gänzlich bebauten flachen Talkessel. Der Blick könnte über ausgedehnte Industrie- und Eisenbahnanlagen mit der eisernen Passarelle und dem alten, heutzutags nicht mehr gebrauchten Wasserturm schweifen. Gegen Südosten präsentierte sich, beidseits der Aare fein ausgeweitet die Siedlungsstadt mit Kirchtürmen und der riesigen Bahnhofshalle, ausgestattet mit zwei Bögen (dieses Motiv und Symbol der Industrie- oder Gründerzeit verwendest du etliche Jahre später in deiner Diplomarbeit eines städtischen Zentrums zwischen dem alten Schanzengraben und der Sihl in Zürich). Aber eben, vorerst bangst du um dein Leben und die romantischen Gedanken verfliegen wieder. Du kehrst zurück in die Realität und endlich bist du irgendwie auch wieder frei, als wäre nichts geschehen, als hättest du das alles nur geträumt. 

ERINNERUNGEN: WIE ES SICH ANFÜHLTE 18